Was ist ein Lymphödem?

Unter einem Lymphödem versteht man die Zunahme von Gewebsflüssigkeit im Gewebe. Hierzu kommt es aber erst, wenn die Sicherheitsventilfunktion des Lymphgefäßsystems außer Kraft gesetzt wird. Der Schlüssel zum Verständnis von Ödemen liegt daher in der Lymphologie. Lymphödeme sind chronische Krankheitsbilder, bei deren Behandlung die Mitwirkung des Patienten über Jahre gefordert wird.

Die Ödemtherapie kombiniert Entstauungs- und Erhaltungsmaßnahmen, hier die apparativ intermittierende Lymphdrainage.
Die Ödemtherapie kombiniert Entstauungs- und Erhaltungsmaßnahmen, hier die apparativ intermittierende Lymphdrainage.

In den Arterien fließt sauerstoffreiches Blut zu den Organen. Die Venen fördern sauerstoffarmes Blut zum Herzen zurück. Neben diesen beiden Systemen verfügen wir noch über ein drittes, nämlich das Lymphgefäßsystem. Seine Aufgabe ist der Abtransport von Eiweißkörpern und Flüssigkeit, die sich außerhalb des arteriellen und venösen Gefäßsystems, also frei im Gewebe befinden.

Wie entsteht ein Lymphödem?

Jedes Bein verfügt nur aber über eine begrenzte Anzahl von Lymphbahnen. Ein Lymphödem entsteht dann, wenn die Transportkapazität des Lymphgefäßsystems zur Aufrechterhaltung der extravaskulären Zirkulation der Eiweißkörper des Blutplasmas nicht mehr ausreicht. Ursächlich kommen Entwicklungs- und Funktionsstörungen der Lymphgefäße oder die Überlastung eines normal strukturierten Systems in Betracht. Das Lymphödem findet sich bevorzugt an den Extremitäten, es können aber auch Kopf, Hals, Rumpf und das Abdomen betroffen sein. Wir unterscheiden das Primäre und das Sekundäre Lymphödem.

Wie unterscheiden sich Primäres und Sekundäres Lymphödem?

Primäre Lymphödeme beruhen auf familiären oder sporadischen Entwicklungsstörungen. Bei einer Hypoplasie – einer verminderten Anzahl von Lymphbahnen – ist die Transportkapazität herabgesetzt, weil die Lymphkollektoren zu spärlich an Zahl und Kaliber sind. Bei einer Aplasie – einem völligen Fehlen – sind Teile oder komplette Lymphbahnen nicht angelegt. Die Lymphangiektasie ist durch zu weite Lymphgefäße mit funktionslosen oder geschädigten Gefäßklappen gekennzeichnet.

Die Ursachen des Sekundären Lymphödems sind bekannt. Die überwiegende Anzahl aller Lymphödeme wird durch Kompression oder Unterbrechung der physiologischen Lymphbahnen oder -knoten verursacht. Während in tropischen Ländern Lymphkrankheiten nach Parasitenbefall (z. B. Bilharziose) vorherrschen – man spricht von ca. 120 Millionen betroffenen Menschen – sind in Europa Krebserkrankungen und ihre Folgen (Resektion regionaler Lymphknoten, Zustand nach Bestrahlung) die häufigste Ursache. Weitere mögliche Ursachen für Schäden am Lymphsystem sind sekundäre Entzündungen der Lymphgefäße (Erysipele), Venenentzündungen (postthrombotisches Syndrom) oder ein chronisches Krampfaderleiden. Chronische entzündliche Prozesse im Rahmen eines Ulcus cruris venosum („offenes Bein“) führen ebenso wie größere Verletzungen mit langsamer Ausheilung und kompliziertem Verlauf zu Lymphabflussstörung.

Wie sieht ein Lymphödems aus?

Lymphödeme der Beine werden etwa dreimal häufiger beobachtet als Lymphödeme der Arme. In neun Zehnteln aller Fälle sind Frauen betroffen. Inspektorisch fällt eine säulenartige Deformation der Unterschenkel mit Verwischung der Konturen der Knöchelregion auf. Die natürlichen Hautfalten über dem Grundgelenk der Zehen, dem oberen Sprunggelenk, der Kniekehle und der Leiste sind vertieft. Im Gegensatz anderen Ödem weisen die Zehen eine wulstförmige Deformation auf, häufig mit einem interdigitalen Pilzbefall (Mykosen) und schwer abhebbaren dorsalen Hautfalten infolge bindegewebiger Verdickung der Haut. (sog. Stemmer´sches Zeichen). Die Konsistenz des Ödems ist kautschukartig, die Hautfarbe normal.

Wie wird eine Lymphabflussstörung diagnostiziert?

Die Diagnose der meisten Ödemformen wird aufgrund der Krankengeschichte und der klinischen Untersuchung gestellt. Um das Ausmaß der Schwellung genau feststellen zu können, empfiehlt sich die Messung des Beinvolumens. Zusatzuntersuchungen in der lymphologischen und angiologischen Diagnostik zum Ausschluss einer Ödemursache sind die Photo- und Venenverschlussplethysmographie, die Doppler- und farbkodierte Duplexsonographie der Arterien und Venen und in seltenen Fällen auch die die Phlebo-, Arterio- und Lymphographie.

Wie kann das Lymphödem behandelt werden?

Die sorgfältige Anpassung ist bei Kompressionsstrümpfen besonders wichtig.

Langstreckig zerstörte oder krankhaft veränderte Lymphgefäße lassen sich bis heute weder ersetzen noch heilen. Ein Schulungsprogramm soll dem Ödempatienten helfen, mit der chronischen Krankheit besser umzugehen, und weitere Schäden zu vermeiden. Die Behandlung beschränkt sich auf die Beseitigung der Schwellung. Das Ziel ist, das Ödem durch die intensive Ödemtherapie zu reduzieren. Die Ödemtherapie kombiniert Entstauungs- und Erhaltungsmaßnahmen.

Entstauungsmaßnahmen: Manuelle Lymphdrainage, apparativ intermittierende Lymphdrainage, Bandagierung, Bewegungsbad und Gymnastik.
Erhaltungsmaßnahmen: Strumpfanpassung, Hautpflege und medikamentöse Behandlung.

 

Die aktuelle Leitlinie zum Lymphödem finden Sie unter:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/058-001.html